Start Inkontinenzversorgung Magazin „Richtige Aufklärung über Inkontinenz ist selten“

„Richtige Aufklärung über Inkontinenz ist selten“

Über Inkontinenz spricht kaum jemand gern – ein Grund, warum Betroffene oft nicht ausreichend versorgt werden. Wie schwer es ist, die Scham zu überwinden und welche Hilfsmittel empfehlenswert sind, darüber sprachen wir mit der Kontinenzberaterin Angelika Sonnenberg. Ein Interview.

 

Redaktion: Wieso haben Sie sich vor zehn Jahren auf die Behandlung von Inkontinenz spezialisiert?

Angelika Sonnenberg: Weil Harn- und vor allem Stuhlinkontinenz nach wie vor ein großes Tabuthema sind und die Betroffenen deshalb wenig Unterstützung bekommen. Selbst in Kliniken wird ihnen oft einfach nur eine Windel übergestreift und gut ist es. Erst letztens hatte ich eine Frau aus der Eifel bei mir in der Sprechstunde, die nicht wusste, dass es für Blasenschwäche passende Vorlagen gibt. Stattdessen legte sie sich ein zusammengerolltes Küchenhandtuch in die Unterhose.

Und ihr Arzt hat ihr nicht gesagt, dass es für Harninkontinenz weitaus bessere Hilfsmittel gibt?

Nein. Er hat ihr ja nicht einmal eine Überweisung zu mir ausgestellt.

Ist das ein Extremfall?

Also eine richtige Aufklärung über Inkontinenz findet tatsächlich selten statt.

Viele Ärzte sind schlecht informiert

Woran liegt das? In Deutschland ist immer hin gut jeder zehnte Mann von Inkontinenz betroffen, bei Frauen ist es sogar jede dritte. Inkontinenz ist also keine seltene Erkrankung.

Manche Ärzte haben schlicht und einfach keine Zeit, die Betroffenen angemessen aufzuklären. Andere wissen es nicht besser. Das Thema Inkontinenz ist nun mal kein fester Bestandteil des ärztlichen Curriculums. Bei den Fortbildungen, die ich leite, sind viele Mediziner und Medizinerinnen tatsächlich total überrascht, wenn ich ihnen zeige, welche Versorgungsmöglichkeiten es für Menschen mit Darm- und Blasenschwäche gibt. Dazu kommt die Scham der Betroffenen.

Sie meinen, die Patienten trauen sich oft nicht, ihre Inkontinenz anzusprechen?

Richtig. Und besonders schlimm ist es, wenn sie sich schließlich überwinden und ihr Arzt oder ihre Ärztin dann nur mit einem Schulterzucken reagiert. Natürlich gibt es hilfsbereite und gut informierte Ärzte – aber die andere Seite gibt es eben auch. Dabei kann Inkontinenz tatsächlich jeden treffen.

Wie kündigt sich eine Blasenschwäche an?

Das ist unterschiedlich und kommt auf die Ursache an. Frauen entwickeln eine Harninkontinenz beispielsweise oft als Folge des Östrogenmangels in den Wechseljahren. Durch den Hormonabfall werden die Schleimhäute rauer und die Harnröhre liegt nicht mehr so geschmeidig in der Scheide. Beim Lachen, Niesen und Husten können da schon mal ein paar Tröpfchen abgehen. Hier reicht für gewöhnlich schon eine einfache Östrogenisierung der Scheidenschleimhaut. Wer keine Hormone einnehmen will, kann auch lokal mit feuchtigkeitsspendenden Gels arbeiten und Inkontinenzvorlagen verwenden – aber bitte nicht die aus dem Supermarkt. Die können Urin und Geruch nicht ausreichend binden. Andere Menschen trinken einfach zu wenig.

Wie kann das inkontinent machen?

Konzentrierter Urin reizt die Blase. Wenn das Bindegewebe des Beckenbodens eh schon etwas schlaffer ist – etwa durch die Wechseljahre oder weil Sie genetisch bedingt ein schwaches Bindegewebe haben – kann das tatsächlich zu Harnverlust führen.

Oft reichen Vorlagen aus

Wie ist das bei Männern?

Bei ihnen ist die Harninkontinenz oft die Folge einer Prostataentfernung – etwa wegen eines Tumors. In diesen Fällen reichen normale Vorlagen häufig nicht aus und ich rate in der Regel zum Urinalkondom mit Beinbeutel. Damit ist dann auch der Spaziergang mit dem Hund wieder möglich.

Am Anfang unseres Gesprächs erwähnten Sie Windelhosen. Gibt es Hilfsmittel, die man heute nicht mehr verwenden sollte?

Bei Menschen, die gleichzeitig stuhl- und harninkontinent sind, haben solche Schutzhosen schon ihre Berechtigung. Ebenso, wenn ein Mensch bettlägerig ist und Durchfall hat. Ansonsten reichen Vorlagen meist völlig aus. Die gibt es mittlerweile tatsächlich in allen Größen und Stärken. Außerdem sind sie praktischer, weil sie einfacher auszutauschen sind.

Und Vorlagen können auch bei starker Inkontinenz verwendet werden?

In der Regel schon, die Betroffenen müssen sie dann nur öfter wechseln. Problematisch wird es jedoch, wenn sie sparen wollen. Kürzlich kam beispielsweise eine etwa 50-jährige Frau mit ihrer Mutter zu mir. Die Tochter hatte bemerkt, dass es in der Wohnung ihrer Mutter häufig stark nach Urin roch. Ich schickte die Tochter zum Kaffeetrinken und fragte die Mutter, ob sie Vorlagen verwendet und ob sie vielleicht die falsche Größe nehme. Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass sie die Vorlagen immer in der Mitte durchschneidet – um zu sparen. Ein durchgeschnittener Absorber kann allerdings weder den Urin auffangen noch den Geruch binden. Kein Wunder also, dass es in der Wohnung so stark roch.

Auf die Vorbereitung kommt es an

Hören Sie solche Spargründe häufiger? Den Krankenkassen wird ja häufiger vorgeworfen, dass sie Betroffene nicht ausreichend mit Hilfsmitteln versorgen.

Natürlich wollen die Kassen sparen. Da müssen die Betroffenen sich etwas anstrengen und ihre Krankenkasse direkt anschreiben. Das ist zwar lästig, aber am Ende bekommt eigentlich jeder und jede, was er oder sie individuell benötigt.

Ist die Tabuisierung des Themas Inkontinenz in den letzten Jahren weniger geworden?

Nach meiner Erfahrung leider nicht. Das zeigen mir nicht nur die Fälle in meiner Inkontinenz-Sprechstunde, sondern auch die Geschichten, die die Teilnehmer der Selbsthilfegruppe, die ich leite, erzählen. Umso wichtiger ist es, die Menschen darauf vorzubereiten, dass sie nach einer Schwangerschaft oder einer Operation der Prostata inkontinent werden können. Dann wissen sie zumindest Bescheid und trauen sich vielleicht auch eher, das Thema gegenüber ihrem Arzt oder bei ihren Angehörigen anzusprechen.

Foto: privat

Zur Person

Angelika Sonnenberg ist ausgebildete Krankenschwester, zertifizierte Fachkraft für Kontinenzförderung, Pflegeberaterin und Fachkraft für Palliative Care am St. Elisabeth-Krankenhaus Köln-Hohenlind. Sie berät Menschen mit Harn- und Stuhlinkontinenz. Außerdem schult sie Ärzte und Pflegefachkräfte im Umgang mit Blasen- und Darmschwäche.